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Nur keine Angst!

in Nachdenkgeschichte 18.10.2012 22:28
von Bille • 2.602 Beiträge

Julian stand vor einer riesigen dunklen Höhle. Er war auf dem Weg zu einer wunderschönen grünen Wiese. Auf dieser Wiese waren auch seine Freunde und seine Eltern und warteten auf ihn. Julian war ganz allein aufgebrochen, um im Wald Pilze zu suchen, die er am Abend mit seinen Eltern kochen wollte. Dabei hatte er sich verlaufen und musste nun einen anderen Weg gehen, als den, über den er in den Wald gekommen war. Und der einzige Weg der ihm für den Rückweg blieb, war der durch die dunkle Höhle.

So stand er vor dem düsteren Eingang, und sein Herz klopfte wie wild. Seine Beine zitterten und seine Hände waren ganz feucht. Julian wusste überhaupt nicht, was mit ihm los war. Es war ganz neu für ihn, dass er eine schwierige Lage ganz allein bewältigen musste. Bisher konnte er immer seine Eltern um Rat fragen, aber nun ging das nicht. Im Bauch hatte Julian ein ganz komisches kribbelndes Gefühl. Am liebsten wäre er weggelaufen und wünschte sich, nie allein in den Wald gegangen zu sein und sich von den anderen nicht so weit entfernt zu haben. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Julian setzte sich auf einen Stein und beschloss, sich erst einmal auszuruhen. Er hatte das Gefühl, wenn er ein wenig darüber nachdachte, was er tun könne, fände er bestimmt noch einen anderen Weg zurück zu der Wiese als den durch die Höhle. Julian schloss die Augen und atmete ganz tief durch. Einmal tief ein. Einmal tief aus. Immer und immer wieder bis er das Gefühl hatte, dass das Kribbeln im Bauch ein wenig besser geworden war.

Als er so die Augen geschlossen hatte, sah er die Wiese vor den Augen zu der er zurückkehren wollte. In der Phantasie sah sie noch viel schöner aus als sie in Wirklichkeit war. Die Sonne war viel wärmer, die Farben viel bunter. Immer stärker wurde er von der warmen Sonne gewärmt je intensiver er an die Wiese dachte. Er wurde immer ruhiger, der Körper fühlte sich jetzt ganz ruhig an und er spürte ihn viel besser. Julian fing an, sich zu freuen, weil er wusste, welchen Weg er gehen musste, der ihn zu der Wiese zurückbrachte. Er hatte sich zwar auf dem Weg in den Wald verlaufen aber auf dem Rückweg wusste, spürte er die richtige Richtung in sich selbst. Warum es dazu kam, wusste Julian selbst nicht genau. So versuchte er, sich zu erinnern, was er getan hatte um den richtigen Weg wieder zu finden.

Er erinnerte sich an seinen Weg in den Wald. Fröhlich hatte er seinen Eltern noch zugewinkt und war eilig dem Pfad gefolgt von dem er wusste, dass dieser ihn zu einer Stelle führen würde, an der viele Pilze wuchsen. Nachdem er einige Zeit gelaufen war, fand er die Stelle und kniete sich auf den Waldboden um die Pilze zu untersuchen. Er wusste, dass es sehr gefährlich war, wenn er giftige Pilze sammelte. Als Julian sich daran erinnerte, fiel ihm auf, dass es gar nicht immer so schlecht war ein Kribbeln im Bauch zu haben. Und plötzlich fiel ihm auch ein, wie dieses Kribbeln hieß. Es hieß Angst.

Julian war ganz erleichtert, als er den Grund für seine Aufregung gefunden hatte. Er fragte sich, warum er eigentlich nicht öfter Angst hatte, weil es doch viele Situationen gab, die gefährlich werden konnten. Wenn er die Pilze vom Waldboden aß ohne sie vorher zu kochen, konnte er davon krank werden und Bauchschmerzen kriegen, und wenn er nicht seinen Vater fragte, ob er die richtigen Pilze gepflückt hatte, könnte sich ein giftiger Pilz ins Essen mischen und auch dann bekäme er Bauchschmerzen und würde krank. Also war es doch eigentlich manchmal ganz gut Angst zu haben.

Weil er Angst hatte, konnte ihm nichts passieren, denn die Angst schützte ihn etwas zu tun, was gefährlich sein könnte. „Pilze einfach zu kochen IST gefährlich“ dachte Julian und ihm viel auf, dass es noch viele weitere Situationen gab, die gefährlich sein könnten. Und er überlegte weiter:

Welche Situationen sind gefährlich und in welchen Situationen ist es gut, Angst zu haben?

Julian listete im Geiste folgende gefährliche Dinge auf:

1. Hinter einem Ball herzulaufen und ohne nach links und rechts zu sehen auf die Straße laufen.
2. Bei rot über eine Ampel gehen.
3. Eine Beere von einem Strauch essen, die man nicht kennt.
4. Mit einem Fremden mitgehen.
5. Sich bei Gewitter unter einen Baum stellen.
6. Auf eine Herdplatte fassen.
7. Die Seiten in einem heißen Backofen berühren.
8. Mit Feuer spielen.

Welche Dinge könnten noch gefährlich sein? Wenn Euch etwas einfällt schreibt es einfach auf oder erzählt es Euren Eltern oder Erziehern und wenn Ihr möchtet, sprecht mit ihnen darüber, wie Ihr Euch vor den gefährlichen Dingen schützen könnt. Was könnt Ihr tun, wenn Ihr gefährlichen Dingen begegnet?

Nachdem Julian eine ganze Menge Situationen eingefallen waren, kehrte er mit seinen Gedanken zu der Stelle zurück an der er die Pilze gesucht hatte. Sorgfältig hatte er untersucht, ob auch keine giftigen Pilze dabei waren, und er wusste, dass er sie auf keinen Fall weder roh noch gekocht und ohne seine Eltern zu fragen kochen durfte. Aber er war schon so groß, dass er wusste welche Pilze gefährlich sein konnten, sein Vater hatte es ihm gezeigt. Julian war schon ein richtiger Meister im Pilze suchen und Pilze finden. Er hatte scharfe Augen und fand jeden Pilz viel schneller als sein Vater. Darauf war er mächtig stolz. Er hatte etwas, was sein Vater nicht hatte, er war Schnellpilzfinder und niemand auf der Welt war so schnell wie er. Wenn er mit seinem Vater Pilze suchte tat dieser nichts anderes als auf einem Baumstamm zu sitzen und Julian beim Pilze finden zu beobachten, und mit jedem gefunden Pilz wurde Julian immer vergnügter. Wenn er 10 Pilze gefunden hatte, bekam er zu Hause einen Schnellpilzfinderhut, den sein Vater ihm aus Papier bastelte.

So erinnerte sich Julian daran, wie gut er manche Dinge schon konnte und fühlte sich wohl mit sich selbst. Plötzlich fühlte er sich kräftig und stark und spürte gar keine Angst mehr. Er fragte sich, welche Dinge er noch gut konnte und welche Dinge seine Freunde ihm erzählen würden, wenn er sie fragte, was sie am Besten könnten.

In welchen Dingen bist Du am Besten?

Manchmal ist es gar nicht so leicht, so viele gute Dinge an sich selbst zu finden aber es lohnt sich, einmal gut darauf zu achten, wenn man sich klein, schwach oder ängstlich fühlt. Manchmal hat man einfach Angst, weil man sich selbst nicht mag, weil man glaubt dumm oder hässlich zu sein oder alles falsch zu machen. Und dabei vergisst man manchmal die vielen tollen Dinge, die man gut kann und richtig macht. Wenn Du möchtest, schreib doch einfach mal 10 Fähigkeiten auf, die Du an Dir magst und spüre, wie Du Dich dabei fühlst.

Fühlst Du Dich stärker als vorher?

Julian war in seinen Gedanken immer noch der Pilzsuche im Wald beschäftigt, gestärkt von der positiven Erinnerung an seine Fähigkeiten als Schnellpilzfinder. Er fand, dass er schon viele Situationen, in denen er Angst hatte, sehr gut bewältigt hatte, sich nur in dem Augenblick in dem die Angst ganz groß war, sich gar nicht mehr daran erinnern konnte.

Julian saß nun aufrecht und frei auf seinem Stein und spürte plötzlich ein neues seltsames Gefühl in seinem Bauch. Es war so, als wäre sein Körper ein Baumstamm und seine Arme und Beine die Äste. Julian fing an zu lachen, als er sich vorstellte, wie er wohl als Baum aussähe, aber die Vorstellung half ihm, die Sicherheit wieder zu finden, die er gehabt hatte, als er einen neuen Weg durch den Wald suchen musste, nachdem er genug Pilze gesammelt hatte. Er war voller Freude durch den Wald gelaufen ohne so recht zu beachten, welchen Weg er für den Rückweg einschlagen musste. Irgendwann fiel ihm auf, dass ihm die Umgebung unbekannt vorkam und er den falschen Weg genommen hatte. Dieser Weg führte ihn nicht direkt zurück, sondern er führte vor die dunkle Höhle, die Julian nun durchqueren musste um zurück zu der Wiese zu gelangen.

Woher wusste Julian, dass dieser Weg der richtige war um wieder auf die Wiese zurückzukehren?

Habt Ihr eine Idee? Bevor Ihr weiterlest, überlegt Euch einfach mal, warum Julian dies wusste. Warum weiß man den richtigen Weg, wenn man sich wie ein Baum fühlt?

Wenn man sich wie ein Baum fühlt, fühlt man sich stark und kräftig. Und ganz tief innen im Bauch ist alles so klar und gerade, dass man genau weiß was man tun muss. Es ist so, als flüstere der Baum einem zu, wenn man gar nicht weiter weiß. Und dieses Flüstern nennt man INNERE STIMME. Alle Menschen haben eine INNERE STIMME aber sehr viele Menschen vergessen auch auf sie zu hören.

Gerade wenn man Angst hat, ist das nicht leicht. Aber wenn man sich vorstellt, ein Baum zu sein, spürt man ganz schnell was er einem zuflüstert und weiß plötzlich auch, was man tun muss. Das ist gar nicht anstrengend. Eigentlich muss man nur zuhören, was der Baum innen einem sagt.

Genau dies tat Julian nun auch und seine INNERE STIMME sagte ihm, dass es gut für ihn sei, möglichst schnell die Höhle zu durchqueren, denn schließlich wollte er wieder zu seiner Wiese zurückkommen. Als Julian daran dachte, fühlte er sich wieder ganz unwohl, aber seine INNERE STIMME sagte ihm, dass es besser ist, etwas zu tun, wovor man Angst hat, wenn es Dinge sind, die gar nicht gefährlich sind.

Julian wusste einfach, dass das richtig ist und die Angst noch viel viel größer würde, wenn er einfach auf seinem Stein sitzen bliebe. Das sagte ihm seine INNERE STIMME, auch wenn es ihn noch so sehr drängte einfach wegzulaufen. Er überlegte was geschehen würde, wenn er wirklich einfach weglaufen würde. Er würde nicht zu der Wiese zurückkehren können und hätte für immer Angst durch eine Höhle zu laufen.

Er überlegte auch, dass es wichtig ist, zu unterscheiden, wann eine Situation gefährlich ist und wann nicht. Wenn sie gefährlich wäre, wäre es besser auf die Angst zu hören aber Julian wusste, dass es nicht wirklich gefährlich war, durch die Höhle zu laufen, denn die Höhle war nicht sehr lang, eigentlich - wenn er genau hinsah - gar nicht so lang wie er es sich vorgestellt hatte. Julian konnte das Ende der Höhle vom Eingang aus sehen, und eigentlich wusste er auch, dass in der Höhle keine gefährlichen Lebewesen waren. Aber dennoch hatte er so viel Angst vor der Dunkelheit, dass er sich alle möglichen Geister vorstellte, die ihn auf dem Weg durch die Höhle erschrecken könnten.

Kennt Ihr das, vor Dingen Angst zu haben, von denen ältere Menschen sagen, dass es sie gar nicht gibt? Welche Dinge sind das? Dinge aus einem Film, den Ihr gesehen habt, Dinge die Euch andere Kinder erzählt haben, Dinge die in Eurem Kopf sind, die Ihr aber bisher noch nie mit den Augen vor Euch gesehen habt oder nur in einem Film?

Wenn es solche Dinge gibt, die Euch Angst machen, fragt Eure Eltern oder andere Erwachsene, was dies für Dinge sind, ob sie gefährlich sind und ob sie sie Euch erklären können. Ihr dürft darüber sprechen, wenn Euch Dinge oder Geschehnisse Angst machen. Das ist sogar ganz wichtig, und deshalb darf Euch auch niemand auslachen. Wenn jemand so etwas tut, sprecht einfach mit einem anderen Erwachsenen über Eure Angst, der Euch ernst nimmt. Das kann jeder Erwachsene sein, den Ihr gern habt und mögt.

Manchmal kann es auch passieren, dass Erwachsene Dinge tun, die Angst machen und sagen, Ihr dürft nicht darüber sprechen oder wenn Ihr es tut, passiert etwas Schlimmes. Das stimmt nicht, und es ist dann ganz ganz wichtig mit jemandem, den Ihr mögt darüber zu sprechen, denn Angst vor einem Erwachsenen ist die schlimmste Angst. Dann hat immer der Erwachsene einen schlimmen Fehler gemacht aber nicht Ihr.

Es gibt auch Erwachsene, die Euch nicht glauben, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Es gibt also auch Erwachsene, die etwas falsch machen, nicht nur Kinder, und wenn Ihr in so einer Situation seid, dürft Ihr mit einem Erwachsenen, den Ihr gern habt, und vor dem Ihr keine Angst habt, darüber sprechen. Wenn Erwachsene etwas tun, was Angst macht, muss man nicht die Angst aushalten, sondern nur dann, wenn die INNERE STIMME sagt, dass etwas nicht wirklich gefährlich ist, z.B. eine dunkle Höhle zu durchqueren.

Julian wusste, dass es nicht gefährlich war durch die Höhle zu laufen. Deshalb stand er von seinem Stein auf und versuchte noch einmal; sich wie ein Baum zu fühlen. Und plötzlich wusste er, dass er auch; wenn er noch Angst spürte, das schaffen würde durch die Höhle zu gelangen. Zunächst lief er zaghaft los aber dann mit immer festeren Schritten durch die dunkle Höhle zu der Wiese.

Er fühlte sich nicht mehr allein; weil er wusste, dass er selbst eine gute Lösung gefunden hatte und sich auf sich selbst und seine INNERE STIMME verlassen konnte. Er freute sich darüber und lief glücklich zum Ende der Höhle, die Sonne, die ihn dort erwartete, schien noch heller als vorher.

Aber am Ende des Tunnels erwartete ihn eine Überraschung: Seine Eltern und Freunde spielten nicht fröhlich, wie erwartet, sondern waren sehr aufgeregt. Sie riefen seinen Namen und liefen immer hin und her. Verwundert schaute Julian ihnen zu und fragte sich, warum das so war. Und dann rief er laut: „Ihr habt wohl ziemliche Angst um mich gehabt.“


[Autor unbekannt]


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